Foyle’s War: Detektivarbeit und moralische Dilemmata im II. Weltkrieg

Zahlreiche britische Krimiserien sind weltweit bekannt für spannungs- und wendungsreiche Plots sowie sprachliche wie auch stilistische Finesse. Einen bedeutenden Anteil daran hat der bekannte Schriftsteller und Drehbuchautor Anthony Horowitz. Der 1956 geborene Engländer stammt aus wohlhabendem Hause und verlebte einen Großteil seiner Kindheit in einem Internat in London, in dem – wie so oft zu jener Zeit – drakonische Züchtigung und Demütigungen der Kinder und Jugendlichen an der Tagesordnung waren. Als Reaktion auf diese unglücklichen und einschneidenden Erlebnisse erfand Horowitz schon als kleiner Junge Geschichten, die zumeist von Rache und Vergeltung handelten und entschied sich, fortan Schriftsteller zu werden. Der Commander des Order of the British Empire, Anthony Horowitz, gilt als einer der populärsten Krimiautoren im englischsprachigen Raum (https://www.anthonyhorowitz.com/). Er verfasste Drehbücher für von Fans und Kritikern gleichermaßen gefeierte (Kriminal-)Filme und Serien wie Stormbreaker, Agatha Christie’s Poirot, Inspector Barnaby oder Inspector Foyle (OT: Foyle’s War). Seine Bücher (u. a. Sherlock Holmes- und James Bond-Folgeromane, Mord auf Pye Hall oder die Alex Rider- und Daniel Hawthorne-Reihe) erschienen bislang in mehr als dreißig Ländern, und er erhielt diverse renommierte Literaturpreise. Aktuell wird Horowitz anlässlich der Rheinbacher Krimiwoche am 10. November dieses Jahres mit dem Rheinbacher Glasdolch für sein bisheriges Lebenswerk ausgezeichnet (https://rheinbacher-glasdolch.de/anthony-horowitz/). (Weitere Preisträgerin und Preisträger des Glasdolchs waren bislang Val McDermid, Peter James, Wolfgang Schorlau und Jussi Adler-Olsen).

Während der Zweite Weltkrieg tobt, versuchen Kriminelle, das entstandene Chaos auszunutzen. In Hastings haben sie jedoch nicht viel Glück, denn Detective Chief Superintendent Christopher Foyle ermittelt bei der Polizei im malerischen Seebad. Der verwitwete Foyle ist nicht nur ein von Grund auf ehrlicher, ruhiger und nachdenklicher Mensch, sondern darüber hinaus mit viel Scharfsinn gesegnet und zudem hartnäckig in seinem Streben nach Gerechtigkeit. Wir schreiben das Jahr 1940, und England befindet sich im Krieg gegen Deutschland. Vor dem Hintergrund dieser ständigen Bedrohung, der politischen Einmischung und der Prioritätensetzung des Militärs geht Foyle in aller Ruhe dem nach, was er am besten kann: Mordfälle aufklären. Als Veteran des Ersten Weltkriegs strebt DCS Foyle indes an, seinen Wehrdienst auch während des Krieges zu leisten. Seine Versetzungsgesuche werden jedoch wiederholt abgelehnt, mit der Begründung, dass die örtliche Polizei auf erfahrene Ermittler wie ihn nicht verzichten könne. Seine Aufgabe im Inland zu akzeptieren, während Tausende an der Front sterben, stellt für Foyle jedoch ein moralisches Dilemma dar. Frustriert kehrt er nach Hastings zurück, wo sich schnell zeigt, wie dringend seine besonderen Fähigkeiten als Detective benötigt werden. Da Foyle keinen Führerschein besitzt, wird ihm die redselige und aufgeweckte Fahrerin Samantha Stewart zugeteilt, von der er zunächst alles andere als angetan ist. Doch Foyle arrangiert sich schnell mit der Situation und findet in Sam nach kurzer Zeit eine loyale Assistentin. Auch der gewissenhafte Detective Sergeant Paul Milner, ein Kriegsveteran, der im Kampf sein Bein verlor, zählt bald zu seinen engsten Vertrauten, und gemeinsam führen sie ihren ganz eigenen Krieg gegen Verbrechen, die das Schicksal einer ganzen Nation beeinflussen könnten…

Der Name „Christopher Foyle“ ist übrigens Horowitz‘ Reminiszenz an die Buchhandlung Foyles in der Londoner Charing Cross Road, die einst für ihre archaischen Geschäftspraktiken und ihre Besitzerin Christina Foyle bekannt war. Nach ihrem Tod ging die Leitung von Foyles 1999 auf ihren Neffen Christopher über, der sogar einen Gastauftritt in Staffel 4 bei Inspector Foyle hatte. Die sympathische Figur der Samantha Stewart war angelehnt an Horowitz‘ Kindermädchen Norah Fitzgerald, die während des Zweiten Weltkriegs als Pilotin tätig war und dem kleinen Anthony immer wieder Geschichten über ihre Erlebnisse und Heldentaten im Krieg erzählte.

Auf der Suche nach einem Ersatz für die Kult-Serie Inspector Morse (1987) wählte der englische Sender ITV aus 300 Vorschlägen das Konzept von Anthony Horowitz zu Foyle’s War aus. Inspector Foyle erwies sich dann als eine der beliebtesten und langlebigsten Krimiserien beim englischen Sender ITV (2002 – 2015). Nach fünf Staffeln wurde sie im Jahr 2008 zwar abrupt abgesetzt, jedoch aufgrund der hohen Einschaltquoten der letzten Episode von Staffel 5 mit Zuschauerzahlen von ca. 7,3 Millionen im Jahr 2010 fortgeführt. Die Dreharbeiten zur sechsten Staffel begannen im Februar 2009 und wurden im April 2010 erstmals im britischen Fernsehen ausgestrahlt. Den Machern von Inspector Foyle ist es nicht nur gelungen, Anthony Horowitz‘ Drehbücher beeindruckend umzusetzen, sondern auch Setting und Atmosphäre der 40er-Jahre glaubwürdig und authentisch einzufangen. Gedreht wurde Staffel 1 überwiegend in der beschaulichen Landschaft Südenglands, doch ist dieser Schauplatz nicht nur nostalgische Kulisse, sondern auch ein Stilmittel, um sowohl moralische Komplexität als auch dramatische Tiefe hinzuzufügen. Durch den authentischen Look der Darsteller sowie die detailgetreue Ausstattung werden die Zuschauerinnen und Zuschauer zurückversetzt in die wahrlich nicht allzu gute alte Zeit Anfang der 1940er-Jahre.

Die Figur des aufrechten DCS Christopher Foyle ist eine Paraderolle für den englischen Schauspieler, Produzenten und Mitglied der Royal Academy of Dramatic Art Michael Kitchen (Jenseits von Afrika, James Bond – GoldenEye, James Bond – Die Welt ist nicht genug, My week with Marilyn), die er dreizehn Jahre lang überzeugend verkörperte. Neben der famosen „Stammbesetzung“ Michael Kitchen, Anthony Howell (Mr Selfridge, Woman in Gold) als kriegsversehrter Detective Sergeant Paul Milner, Julian Ovenden (The Forsyte Saga, Downton Abbey, The Crown, Bridgerton) als Foyles Sohn, Kampfpilot Andrew Foyle und der Waliserin Honeysuckle Weeks (Inspector Barnaby, The Wicker Tree, Lewis – Der Oxford-Krimi) als engagierte und mutige Fahrerin Samantha „Sam“ Stewart überzeugen weitere angesehene Mitglieder der britischen Schauspielergilde wie zum Beispiel Cheryl Campbell, Maggie Steed, Edward Fox, Robert Hardy, Oliver Ford Davies, John Shrapnel, Roger Allam +  Anton Lesser (beide hierzulande vor allem bekannt durch Der junge Inspektor Morse), Charles Dance, David Tennant, Tobias Menzies, Paul Brooke, Stephen Moore, Dominic Mafham sowie die damals blutjungen Rosamund Pike und James McAvoy.

Die Gräuel der beiden Weltkriege gingen auch an Hastings nicht spurlos vorbei. Während dieser Zeit überstand der Küstenort 85 Luftangriffe, 14 kleine Bomben, 12 Ölbrandbomben, 750 Brandbomben und 15 Flugbomben. Dabei kamen 154 Menschen ums Leben, 260 wurden schwer und 439 leicht verletzt. 763 Gebäude wurden zerstört und 14.818 beschädigt. (Heike Glück)

Inspector Foyle
(UK 2002)
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